DIE BRIEFPARTNER


Biogramm Erdmuthe Benignas von Reuß-Ebersdorf


Erdmuthe Benigna wurde am 13. April 1670 im sächsischen Wildenfels als Tochter des frommen Grafenpaares Johann Friedrich I. von Solms (1625-1696) und Benigna von Promnitz (1648-1702) geboren. Sie hatte sechs Geschwister (Magdalene Wilhelmine, Johann Sigismund, Friedrich Ernst, Luise Bibiane, Carl Otto und Heinrich Wilhelm), von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Johann Friedrich I. und Benigna bezogen um das Jahr 1680 das Schloss Laubach in der Wetterau, rund 70 km nordöstlich von Frankfurt gelegen. Das Leben am Hof und die Erziehung der Kinder waren geprägt von einem pietistischen Geist im Sinne Philipp Jakob Speners (1635-1705), der zwischen 1666 und 1686 als lutherischer Prediger in Frankfurt wirkte. Gräfin Benigna pflegte nicht nur engen Kontakt zu den pietistischen Frankfurter Zirkeln, sondern beförderte die neue Frömmigkeitsbewegung auch am eigenen Hof. So konnte der Laubacher Hofprediger Johann Philipp Marquard (1668-1727) prägenden Einfluss auf die junge Erdmuthe Benigna gewinnen. Noch während ihrer Ebersdorfer Zeit stand sie mit ihm in Kontakt und lud ihn wiederholt in das Ebersdorfer Schloss ein, wo Marquard mehrfach predigte.

Gemälde Erdmuthe Benignas, das vermutlich um ihre Heirat mit Heinrich X. herum entstanden ist und im Ebersdorfer Schloss hing. © Bildarchiv Foto Marburg (www.fotomarburg.de)


Am 29. November 1694 heiratete Erdmuthe Benigna in Laubach den ebenfalls pietistisch gesinnten Heinrich X. Reuß (1662-1711), Begründer der Ebersdorfer Linie, der seit etwa 1690 um sie geworben hatte. Nach Fertigstellung des Ebersdorfer Schlosses im Jahr 1696 bezog das Ehepaar seine reußische Residenz. Den höfischen Pietismus Laubacher Art brachte Erdmuthe Benigna dabei mit an den Hof und bestimmte in der Folgezeit dessen religiöses Leben. So wurde Ebersdorf zu einem Sammelpunkt und Zufluchtsort für Pietistinnen und Pietisten unterschiedlichster Couleur. Zeitweilig näherte sich die Gräfin August Hermann Francke (1663-1727) und dem Hallischen Pietismus an, langfristig erfolgte aber eine Hinwendung Ebersdorfs zum Herrnhuter Pietismus, der unter ihrem Sohn zu seiner ganzen Entfaltung kam und bis heute eine prägende Rolle für den Ort spielt. Nach dem Tod ihres Mannes hatte die verwitwete Gräfin von 1711 bis 1720 zunächst gemeinsam mit Heinrich VIII. (1652-1711), danach mit Heinrich XXIV. von Reuß-Schleiz zu Köstritz (1681-1748) und ihrem Bruder Carl Otto zu Solms-Laubach-Utphe (1673-1743) die Vormundschaft für ihren unmündigen Sohn Heinrich XXIX. (1699-1747) inne. Während dieser Zeit entstanden die in dieser Quellenedition herausgegebenen Briefe. Sie geben Aufschluss darüber, wie die Gräfin die Geschicke der Ebersdorfer Herrschaft lenkte und gestaltete. Dabei traf sie teils auf entschiedenen Widerstand innerhalb der reußischen Familie und insbesondere vonseiten der lutherisch-orthodox gesinnten Angehörigen des Hauses Reuß. 


Auch nach Regierungsantritt ihres Sohnes hatte Erdmuthe Benigna weiterhin wesentlichen Einfluss auf das Leben am Hof. Spannungen gab es vor allem zum Hofprediger Heinrich Schubert (1692-1757), der 1720 aus Halle bestellt worden war. Schubert hatte großen Einfluss auf die Ehefrau Heinrichs XXIX., Sophie Theodore von Castell-Remlingen (1703-1777) und folglich gerieten auch Erdmuthe Benigna und ihre Schwiegertochter aneinander. Im Januar 1732 ereilte Erdmuthe Benigna etwas „Schlaghaftes“, das ab März ihre gesamte linke Seite lähmte. Die bereits seit Ende der 1720er Jahr an Gicht leidende Gräfin starb am Vormittag des 14. September 1732 in Ebersdorf und wurde vier Tage später in der gräflichen Gruft der dortigen Kirche beigesetzt.


Die Gräfin brachte während ihres Lebens acht Kinder zur Welt. Diese waren Benigna Marie (1695-1751), Friederike Wilhelmine (1696-1698), Charlotte Luise (1697), Heinrich XXIX., Erdmuth Dorothea (1700-1756), Henriette Bibiane (1702-1745), Sophie Albertine Dorothea (1703-1708) und Ernestine Eleonore (1706-1766). Ihre Tochter Erdmuth Dorothea heiratete am 7. September 1722 den Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf im Schloss in Ebersdorf. Erdmuthe Benigna hatte nach anfänglichem Widerstand doch noch ihr Einverständnis dazu gegeben (vgl. den Brief Erdmuthes an Heinrich XXIV. vom August 1722). Auch nach der Heirat hatte Erdmuthe Benigna weiterhin eine sehr enge Beziehung zu ihrer Tochter in Herrnhut, mit der sie eine intensive Korrespondenz pflegte.


Weiterführende Literatur zu Erdmuthe Benigna

Hans-Walter Erbe: Zinzendorf und der fromme hohe Adel seiner Zeit. Leipzig 1928, 157-171.

Wilhelm Jannasch: Erdmuthe Dorothea. Gräfin von Zinzendorf. Geborene Gräfin Reuß zu Plauen. Ihr Leben als Beitrag zur Geschichte des Pietismus und der Brüdergemeine dargestellt. Herrnhut 1915, insb. 13-18.

Robert Langer: Erdmuthe Benigna von Reuß-Ebersdorf, geb. von Solms-Laubach (1670-1732). In: Lebensbilder aus der Brüdergemeine. Bd. 2 [Beiheft der Unitas Fratrum 24]. Hg. v. Dietrich Meyer. Herrnhut 2014.

Irina Modrow:
 Frauen im Pietismus. Das Beispiel der Benigna von Solms-Laubach, Hedwig Sophie von Sayn-Wittgenstein-Berleburg und der Erdmuthe Benigna von Reuß-Ebersdorf als Vertreterinnen des frommen hohen Adels im frühen 18. Jahrhundert. In: Individualisierung, Rationalisierung, Säkularisierung. Neue Wege der Religionsgeschichte. Hg. v. Michael Weinzierl. Wien u. München 1997, 186-199.

Martin Prell: Selbstentwurf und Herrschaftspraxis. Die Briefe Erdmuthe Benignas von Reuß-Ebersdorf (1670-1732). In: Gender – Pietismus – Adel [Hallesche Forschungen]. Hg. v. Ulrike Gleixer, Halle/S. 2017 (in Vorbereitung).

Heide Wunder: Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse. Die Regentschaft der Reichsgräfin Erdmuthe Benigna von Reuß-Ebersdorf. In: Politik in verflochtenen Räumen. Festschrift für Marianne Braig. Hg. v. Markus Hochmüller [u.a.]. Berlin 2013, 242-262.    




Biogramm Heinrichs XXIV. von Reuß-Schleiz zu Köstritz  


Heinrich XXIV., Begründer der Köstritzer Linie Reuß, wurde am 26. Juli 1681 in Schleiz als Sohn Heinrichs I. von Reuß-Schleiz (1639-1692) und Anna Elisabeth (geb. von Sinzendorf) (1659-1683) geboren. 


Bildnis Heinrichs XXIV. Reuß-Köstritz in militärischem Ornat.

© Österreichische Nationalbibliothek
(http://www.bildarchivaustria.at/Pages/
ImageDetail.aspx?p_iBildID=4109572)
Aufgrund der Einführung der Primogenitur im Jahr 1679/1690 erhielt er als jüngster Sohn einige Lehnsgüter, darunter Köstritz, Hohenleuben und Reichenfels, mit allen Einkünften und Rechten. 

Die Landeshoheit verblieb jedoch bei seinem Bruder Heinrich XI. (1669-1726), dem Regenten der Herrschaft Reuß-Schleiz. Heinrich XXIV. schlug zunächst eine militärische Laufbahn ein und besuchte unter anderem die Ritterakademie in Wolfenbüttel. Während seiner Teilnahme an der Belagerung von Landau soll er – möglicherweise erstmals – mit pietistischen Ideen in Berührung gekommen sein. Erst 1704 aber zog er aus seinen militärischen Erfahrungen die Konsequenz, sein Leben in den Dienst Gottes zu stellen und sich mit seiner Ehefrau Marie Eleonore Emilie von Promnitz (1688-1776) in Köstritz niederzulassen. 

Spätestens seit diesem Jahr stand Heinrich in Kontakt zu August Hermann Francke in Halle. In der Folgezeit entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen beiden Männern, und der Köstritzer Graf wurde zu einem der engsten Vertrauten des Halleschen Waisenhausgründers. In Köstritz errichteten Heinrich und Marie Eleonore ein im Reich weithin beachtetes Vorzeigemodell eines frommen Hofes, an den andere Adlige ihre Kinder zur Erziehung schickten. Wenngleich Heinrich XXIV. zwar selbst keine Landeshoheit besaß, so nahm er doch vor allem in Form mehrerer Vormundschaften Einfluss auf die politische Gestaltung verschiedener reußischer Herrschaften und deren pietistische Ausrichtung. In seinem 67. Lebensjahr starb Heinrich XXIV. in Greiz und wurde in der Gruft in Hohenleuben beigesetzt.     


Weiterführende Literatur zu Heinrich XXIV.:   

Anke Brunner: Aristokratische Lebensform und Reich Gottes. Ein Lebensbild des pietistischen Grafen Heinrich XXIV. Reuß-Köstritz (1681-1748) [Beiheft der Unitas Fratrum 13]. Herrnhut 2005.   

Hans-Walter Erbe: Zinzendorf und der fromme hohe Adel seiner Zeit. Leipzig 1928, 13-25.   

Heinrich XXIV., Indexeintrag: Deutsche Biographie,. URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd130132365.html [28.02.2017].   

Friedrich-Wilhelm Trebge: Spuren im Land. Aus der Geschichte des apanagierten thüringisch-vogtländischen Adelshauses Reuß-Köstr