DIE QUELLEN


Aus der Zeit der Regent- und Witwenschaft Erdmuthe Benignas haben sich im Thüringer Staatsarchiv Greiz und im Unitätsarchiv Herrnhut rund 170 Briefe von ihrer Hand erhalten. Empfänger der Briefe waren Heinrich XXIV. von Reuß-Köstritz (1681-1748) und dessen Frau Marie Eleonore von Promnitz (1688-1776) sowie die Tochter Erdmuthe Dorothea (1700-1756) und deren Mann Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf (1700-1760). Weitere Briefe Erdmuthe Benignas liegen wahrscheinlich im Gräflichen Archiv Solms-Laubach.

Die vollständige editorische Aufbereitung beschränkte sich für die zweijährige Projektlaufzeit auf die 66 Briefe von Erdmuthe Benigna an Heinrich XXIV., die im Staatsarchiv Greiz aufbewahrt werden. Da das Hausarchiv der jüngeren Linie Reuß Ende des Zweiten Weltkrieges überwiegend verbrannte, kommt diesem Quellenbestand als einem der wenigen Reste große Bedeutung zu. Die Briefe an Heinrich XXIV. sind in Form einer synoptischen Faksimile-Transkriptionsansicht über den Reiter „Digitaler Bestand“, „Register“ oder „Karten“/“Geovisualisierung“ einsehbar. Nach Klick auf das digitale Faksimile bietet der Viewer die Hinzuschaltung der Transkription über den Reiter „Textebene“. Die Größe der Fenster kann beliebig angepasst werden.

Darüber hinaus sind bereits weitere Briefe mit Metadaten und digitalen Faksimiles versehen. Dazu gehören beispielsweise die Briefe Erdmuthes an Marie Eleonore von Reuß-Köstritz und Sophie Elisabeth von Reuß-Untergreiz sowie die wenigen Gegenbriefe Heinrichs XXIV., die lediglich in Abschrift vorhanden sind. Deren Volltexte werden im Laufe der Zeit sukzessive eingespielt. Auch weitere Dokumente der Vormundschaftszeit wie bspw. ausgewählte Verordnungen, Verträge und Vereinbarungen sowie Kartenmaterial können als Digitalisat bereits eingesehen werden. Dazu empfiehlt sich der strukturierte Zugang über Collections und die Reiter „In Beständen blättern“, „nach Sammlungen“, „Nachlässe“, „Nachlass Erdmuthe Benigna von Reuß-Ebersdorf, geb. v. Solms-Laubach (1670-1732)“.

Ferner können alle während des Projektes digitalisierten und noch nicht aufbereiteten Dokumente aus der Vormundschafszeit über das Repositorium des Staatsarchivs Greiz innerhalb des Digitalen Archivs des Landesarchivs Thüringen betrachtet werden. Dazu gehören die amtliche Korrespondenz der Ebersdorfer Vormundschaft, Protokolle, Gutachten, Verträge, Verordnungen, Notizen und zahlreiche weitere Briefe anderer Personen. Die Erschließung dieses Quellenmaterials und die Erweiterung der Edition um Bestände weiterer Archive können erst in einer weiteren Förderphase realisiert werden.



Charakteristika der Briefe Erdmuthe Benignas

Die besondere Bedeutung der Briefe besteht vorrangig in zwei Aspekten. Einerseits ist ihr Charakter als ein zentrales Medium zur Herrschaftsausübung bemerkenswert, waren Frauenbriefe im 18. Jahrhundert doch zumeist unpolitischer Natur. Neben der dadurch sichtbaren Selbstdarstellung und -wahrnehmung Erdmuthes als Regentin präsentiert sie sich in ihren Briefen insbesondere auch als überzeugte Pietistin. Andererseits ist quellenkundlich bedeutsam, dass hier Autographen überliefert sind, die über die Art und Weise weiblichen Schreibens in einer Zeitepoche Aufschluss geben, in der Frauen von gelehrter Bildung grundsätzlich ausgeschlossen waren. Letzter Aspekt soll hier näher betrachtet werden, da er ganz praktische Folgen für das Edieren der Briefe hatte.

So verzichtete die Schreiberin beispielsweise auf eine Markierung neuer Themen durch die Verwendung von Absätzen und schrieb stattdessen in einer Zeile fort. Teilweise unterstützt nicht einmal die Interpunktion die Identifizierung neuer Gedanken. Nur ganz selten und unregelmäßig sind vergrößerte horizontale Leerräume zu erahnen, die offenbar einen Themenwechsel markieren.

Ein weiteres Phänomen ist die sehr willkürliche Verwendung lateinischer Schreibweise von Buchstaben innerhalb der überwiegend kurrent geschriebenen Briefe. So begegnen innerhalb zahlreicher Wörter lateinischer Wiedergabe auch einzelne kurrente Buchstaben, ohne dass eine besondere Absicht ersichtlich ist. Aufgrund des Kontextes dürfte hier zwar eine lateinische Schreibintention unterstellt und von einem Fehler bzw. mangelnder Kenntnis korrekter Schreibweise ausgegangen werden. Zugleich lassen unterschiedliche Schreibungen gleicher Buchstaben und Wörter sogar im selben Satz oder auf derselben Seite eine mangelnde Kenntnis der Schreiberin aber auch fragwürdig erscheinen.

Folgendes Beispiel verdeutlicht die unterschiedlichen Schreibweisen von „v“:

Auch „tz“ erscheint innerhalb lateinischer Schrift einerseits als kurrente Ligatur andererseits in getrennter Schreibweise und sowohl mit kurrentem als auch lateinischem „z“:

Ein weiteres Spezifikum ist, dass Erdmuthe Benigna knapp mehr als die Hälfte der Briefe an Heinrich XXIV. nicht mit einem vollständigen oder eindeutigen Datum versehen hat. In einem Teil sind nur Wochen- oder Festtage genannt, in anderen fehlt eine Datierung völlig. Eine Datierung oder zumindest zeitliche Eingrenzung der Ausstellung des Briefes musste in diesen Fällen inhaltlich oder mit Hilfe des Präsentationsvermerks vorgenommen werden, den der Adressat zuweilen auf dem Brief notierte:

Der Datierungszusatz eines Briefes konnte nicht gedeutet werden. Was mit „nicht nach der weiber unachtsamkeit“ gemeint ist, bleibt unklar:

Der Grund für die oft fehlenden Orts- und Zeitangaben ist nur schwer auszumachen. In einem Brief schreibt Erdmuthe lediglich, dass ihre fehlende Datierung nicht verwunderlich sei, die im Brief Heinrichs XXIV. hingegen bemängelt sie (vgl. den Brief vom Herbst 1717). Vermutlich vergaß Erdmuthe neben der meist gebotenen Eile ein Datieren auch deshalb, weil sie manche Briefe über mehrere Tage hinweg schrieb und das abschließende Datieren im Briefkopf dadurch versäumte: 

Für das offenbar nicht unübliche Setzen des Datums nach dem Schreiben des Briefes spricht auch, dass sich in manchen Fällen das Erscheinungsbild der Tinte des Datums von der der Anrede unterscheidet.  

Das Datieren am Ende des Briefes ist in lediglich einem Fall geschehen. Auch die Unterschrift der Gräfin weicht hier vom sonstigen Gebrauch ab, nutzt sie doch überwiegend die Koseform „Erdmuthe“, während die Unterschrift „Erdmuth Benigna“ zusammen mit ihrem Adelstitel ihr Signum auf offiziellen Dokumenten darstellt:

Der Schluss der Briefe beinhaltet in der Regel eine Grußformel mit Bestandteilen wie „ich bleibe biß ins grab“ und „ihre treü ergebene aufrichtiche baß und dinerin“ gefolgt von der Unterschrift „Erdmuthe“ oder auch „Erdmuhte“:

Die zeitliche Verteilung der Briefe während der neunjährigen Vormundschaft ist sehr ungleichmäßig (vgl. den Reiter „Digitaler Bestand“, „Teilbestand nach Datum“). Angesichts der sehr zeit- und arbeitsaufwändigen Vormundschaft und dem zeitlichen Abstand von oft nur wenigen Wochen oder Tagen zwischen zwei Briefen ist davon auszugehen, dass die Korrespondenz der Vormünder ursprünglich deutlich mehr Briefe umfasste, als überliefert sind. Zwar besprachen Erdmuthe Benigna und Heinrich XXIV. viele Angelegenheiten auch persönlich, allerdings waren die Treffen in Köstritz oder Ebersdorf aufgrund der Distanz von ca. 55 Kilometern Luftlinie und der häufigen Reisen des Köstritzer Grafen selten.  

Die Handschrift Erdmuthe Benignas ist sehr markant. Sie zeichnet sich durch einen sehr weit gezogenen Schreibstil der Buchstaben und Wörter und deren sehr unregelmäßige Form aus. Sie wirkt teilweise hektisch, was in manchen Briefen durch häufige Streichungen, Überschreibungen oder nachträgliche Ergänzungen zusätzlich betont wird. Ein besonderes Wiedererkennungszeichen der Schreiberin ist die Abtrennung von Silben – meist Präfixe – vom Rest des Wortes. Angesichts einer fehlenden systematischen Schreibausbildung ist davon auszugehen, dass Erdmuthe die Wörter so niederschrieb, wie sie sie aussprach. Hierbei folgte sie aber keiner Regelmäßigkeit, sodass identische Wörter auch in unmittelbarer Nachbarschaft sehr unterschiedlich geschrieben sein können. Auch die Interpunktion wurde sehr willkürlich angewendet. Satzpunkte fehlen nahezu gänzlich, Kommata erscheinen manchmal stellvertretend und oft stark abweichend von moderner Interpunktionsregel. Das kann die inhaltliche Aussage zuweilen auch in die Irre führen. Neue Sätze werden auch nicht durch Majuskelgebrauch eingeleitet. Lediglich einzelne Personennamen und die Anrede des Gegenübers mit „Erl.“ werden mit Großbuchstaben begonnen, selbst Feiertage und der Gottesname hingegen nicht.  

Inhaltlich drückt sich die Schreiberin jedoch überwiegend klar und deutlich aus, weil ihr auch ein barocker, formalisierter und gekünstelt erscheinender Stil fremd ist. Ihre auf eine strenge Form und Sauberkeit verzichtende Schreibweise wirkt daher natürlich, alltäglich und ungezwungen, mit nur wenigen Floskeln und geschraubten Sätzen. Nichtsdestotrotz kannte auch Erdmuthe Benigna die höfische Schreibetikette und Kunst des Komplimentierens und bedient sich dieser auch, wenngleich sehr selten. Gegenüber ihrem engen Vertrauten Heinrich XXIV., den sie überwiegend mit „allerliebster vetter“ oder sogar mit „mein lieber 24ster“ anspricht, konnte sie sich den reduktionistischen Stil durchaus erlauben. 

Dies war auch ein Mittel, um die Last des sehr zeitaufwändigen, zur Herrschaftsausübung aber notwendigen Briefeschreibens, das von Erdmuthe zudem als unzulänglicher Gesprächsersatz empfunden wurde, zu verringern. Für ihren „konfusen Stil“, der sich bspw. in gedanklichen Sprüngen und Wiederholungen ausdrückt, entschuldigt sie sich auch beim Adressaten. Schreibfehler im engeren Sinne, wie beispielsweise die Vertauschung von Buchstaben (z.B. „Secertarius“ statt Secretarius) sind hingegen nur schwer zweifelsfrei auszumachen, da die Orthographie zu Beginn des 18. Jahrhundert noch kaum normiert war.

Neben aller scheinbaren Natürlichkeit der Schreibweise bedient sich die Gräfin aber auch gekonnt der frühneuzeitlichen Beamten-/Kanzleibegrifflichkeiten mit lateinischer Provenienz. Damit untermauert sie ihren Anspruch als kompetente Regentin, die im Stande ist, politische Herrschaft auszuüben. Diese Selbstdarstellung ist eine bewusste Gegenstrategie zur defizitären Souveränität, die ihr aufgrund ihres Geschlechtes als Frau, ihrer dynastischen Stellung als Eingeheiratete und ihrer fehlenden Bildung anhaftete. Das gezielte Einsetzen der Beamtensprache durch die Schreiberin kann besonders anschaulich durch die Wiedergabe von Korrekturen in den Briefen dargelegt werden. Wie in folgendem Beispiel zu sehen, wollte die Gräfin zunächst „wolte“ schreiben, entscheid sich schließlich aber doch für „predentirte“ (prätendierte). Es verdeutlicht zugleich eindrücklich den Mehrwert diplomatischer Transkriptionen für die geisteswissenschaftliche Forschung: