DAS HAUS REUSS

Das Adelsgeschlecht Reuß herrschte von Anfang des 12. bis Anfang des 20. Jahrhundert im thüringischen Vogtland und ging aus den Vögten von Weida hervor. Aufgrund enger Beziehungen der Vögte zu Kaiser Heinrich VI. (1190-1197) sei allen männlichen Nachkommen der Name Heinrich verliehen worden. Zur besseren Unterscheidung der Personen wurde im 17. Jahrhundert eine fortlaufende Zählung eingeführt, wobei die verschiedenen reußischen Linien getrennte Zählweisen besaßen. Der Name Reuß begegnet erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als Heinrich (I.) (1256/66- 1292/95), Vogt und Herr von Plauen, den Beinamen Ruthenus bzw. Rusze vermutlich angesichts seines längeren Aufenthaltes in Russland und seiner Ehe mit einer russischen Prinzessin erhielt. Seit 1307 führte Heinrich (II.) (1289/1301-1350) „Reuß“ als Familiennamen.

1564 teilten die Herren Reuß ihr Gebiet in drei Linien auf, eine ältere, eine mittlere und eine jüngere. Während die mittlere Linie bereits 1616 ausstarb, bestanden die jüngere und die ältere Linie bis zur Abdankung 1918 politisch fort. Zahlreiche weitere Teilungen innerhalb der beiden Hauptlinien prägen die Geschichte dieses Adelshauses wie kaum ein anderes, das nach außen allerdings stets mit einer Stimme auftrat. 1673 wurden die Reußen in den Reichsgrafenstand erhoben. Der Titel des Gesamthauses lautete seitdem „Hoch- und Wohlgeborene Reußen, Grafen und Herren von Plauen, Herren zu Greiz, Kranichfeld, Gera, Schleiz und Lobenstein“. 1778 folgte in der älteren Linie und 1790/1806 in der jüngeren Linie die Reichsfürstenwürde.

Das Haus Reuß-Ebersdorf, welches für diese Edition von besonderer Bedeutung ist, ging 1678 innerhalb der jüngeren Linie aus der Teilherrschaft Lobenstein hervor. Daraus ergibt sich auch die während der Vormundschaftszeit Erdmuthe Benignas noch sehr enge institutionelle Verbindung mit dem Lobensteiner Haus, durch die eine deutlich begrenzte Autonomie der Ebersdorfer Herrschaft in politischen, wirtschaftlichen und religiösen Angelegenheiten einherging. Die Bindungen sowohl an Lobenstein als auch innerhalb der jüngeren Linie (z.B. in Form einer gemeinschaftlichen Regierung und eines gemeinschaftlichen Konsistoriums), deren Auflösung Erdmuthe anstrebte, stellen daher ein zentrales Moment innerhalb der Briefe dar.

Der Ehemann Erdmuthe Benignas, Heinrich X. (1662-1711), war der Begründer der Linie Ebersdorf. Die Herrschaft bestand zum Regierungsantritt Heinrichs X. im Jahr 1683 aus etwa einem Dutzend Dörfer und einigen Rittergütern sowie Teilen des Frankenwaldes. Das Rittergut in Ebersdorf baute er während der Jahre 1692 bis 1694 zu einem barocken Schloss aus und Ebersdorf wurde damit zum Residenzort der Herrschaft Reuß-Ebersdorf. Nach Heinrichs Tod am 10. Juni 1711 übernahm Erdmuthe Benigna die Vormundschaft für ihren Sohn und noch unmündigen Thronfolger Heinrich XXIX. (1699-1747).

Graf Heinrich XXIV. von Reuß-Schleiz zu Köstritz (1681-1748), Mitvormund und wichtiger Briefpartner Erdmuthe Benignas während der Vormundschaftsjahre 1711-1720, war Neffe 2. Grades von Heinrich X. Beide Männer verband eine enge Freundschaft und gemeinsame religiöse (pietistische) Orientierung. Dies erklärt unter anderem auch die sehr vertraute Beziehung zwischen Erdmuthe und dem Köstritzer Grafen, die aus ihren Briefwechseln hervorgeht.

Für das tiefere Verständnis zahlreicher in den Briefen erwähnter Begebenheiten sind die Kenntnis der Position des Hauses Reuß-Ebersdorf und die Erdmuthe Benignas innerhalb des reußischen Gesamthauses hilfreich. Beide werden daher nachfolgend in Form zweier Stammbäume wiedergegeben. Sie basieren auf der Forschungsliteratur von Robert Hänsel (Hg): Reussische Genealogie. Ergänzungen und Berichtigungen unter Benutzung der von Berthold Schmidt hinterlassenen Aufzeichnungen und mit eigenen Beiträgen. Jena 1940 und  Berthold Schmidt (Hg): Die Reussen. Genealogie des Gesamthauses Reuss älterer und jüngerer Linie sowie der ausgestorbenen Vogtslinien zu Weida, Gera und Plauen und der Burggrafen zu Meissen aus dem Hause Plauen. Schleiz 1903. Bei Klick auf eine Person, öffnet sich ein Fenster mit Link zum dazugehörigen GND-Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek.

Erdmuthe Benigna und Heinrich XXIV. unter den regierenden Zeitgenossen des Hauses Reuß insbesondere während ihrer Vormundschaft 

Erdmuthe Benigna innerhalb der direkten reußischen Stammlinie